Die Deutsche Rentenversicherung Bund bereitet den Einsatz Künstlicher Intelligenz in der Betriebsprüfung vor. Das System trägt den Namen KIRA, kurz für „Künstliche Intelligenz für risikoorientierte Arbeitgeberprüfungen“, und wird als Leuchtturmprojekt vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales gefördert. Seit Januar 2025 läuft die Pilot- und Testphase; der endgültige Einsatz ist für 2026 geplant (Stand Oktober 2025). Die DRV dokumentiert das Projekt inzwischen selbst öffentlich, unter anderem in ihrem Experten-Lexikon für Arbeitgeber und Steuerberater.
Was KIRA macht
KIRA scannt alle digital verfügbaren Unternehmensdaten und sucht per Mustererkennung nach Anomalien, etwa ungewöhnlich hohen oder niedrigen Beiträgen oder fehlenden Nachweisen. Auffälligkeiten markiert das System in den Prüfunterlagen, priorisiert die Fälle und vergibt einen Kritikalitäts-Score von 1 bis 10.
Entscheidend ist die Zielrichtung: Die primären Zielbereiche sind Scheinselbstständigkeit und verdeckte Arbeitnehmerüberlassung. Für Unternehmen bedeutet das eine neue Qualität: Nicht mehr die Stichprobe des einzelnen Prüfers bestimmt, ob ein Freelancer-Verhältnis auffällt, sondern ein Algorithmus, der sämtliche verfügbaren Daten gleichzeitig sieht.
Warum das die Prüflogik verändert
Den Rahmen setzt § 28p SGB IV: Die Träger der Rentenversicherung prüfen jeden Arbeitgeber mindestens alle vier Jahre. Wo das neue System hinzielt, ist erklärt: auf die Konstellationen rund um Freelancer und anderes Fremdpersonal, in denen Scheinselbstständigkeit und verdeckte Arbeitnehmerüberlassung entstehen.
Bisher hatte dieser Turnus eine praktische Grenze: Prüfkapazität. Welche Fälle sich ein Prüfer genauer ansieht, hing von Erfahrung, Zeit und Zufall ab. Eine risikoorientierte Vorauswahl per KI verschiebt diese Logik. Wenn das System Prüffälle nach Kritikalität sortiert, landen Unternehmen mit auffälligem Datenbild systematisch oben auf der Liste, und zwar unabhängig davon, ob die Auffälligkeit eine Erklärung hat. Ein hoher Fremdpersonalanteil ohne saubere Dokumentation ist dann kein Detail mehr, das in der Masse untergeht, sondern ein Muster, das das System erkennt.
Was dabei auf dem Spiel steht, ist unverändert: Stuft die Prüfung ein Freelancer-Verhältnis als Beschäftigung ein, schuldet der Auftraggeber rückwirkend den Gesamtsozialversicherungsbeitrag, also Arbeitgeber- und Arbeitnehmeranteil zusammen, für bis zu vier Jahre, bei Vorsatz bis zu 30 Jahre (§ 25 SGB IV). Vom Beschäftigten zurückholen lässt sich kaum etwas, der Lohnrückgriff ist auf die letzten drei Monate begrenzt (§ 28g SGB IV). KIRA ändert an diesen Rechtsfolgen nichts. Es ändert die Wahrscheinlichkeit, dass sie eintreten.
Zeitplan und offene Fragen
Festhalten lässt sich zum jetzigen Stand: Die Testphase läuft seit Januar 2025, der endgültige Einsatz ist für 2026 angekündigt, einen konkreten Starttermin hat die DRV nicht genannt. Die Dimension des Prüfgeschäfts macht deutlich, warum die Vorauswahl Gewicht bekommt: Jährlich sind etwa 400.000 Betriebsprüfungen von nur rund 1.700 Mitarbeitenden zu bearbeiten. Eine KI, die diese Fallmasse vorsortiert, bestimmt faktisch mit, wo die knappe Prüfzeit landet. Wichtig für die Einordnung: Das ist eine Pilotphase, kein laufender flächendeckender Einsatz. Wer aktuell geprüft wird, sitzt noch nicht automatisch vor einem KI-sortierten Verfahren. Wie stark die KI-Vorauswahl die Prüfpraxis tatsächlich verändert, wird sich erst im Regelbetrieb zeigen. Offen ist auch, wie transparent die Kritikalitäts-Scores gegenüber den geprüften Unternehmen sein werden.
Was heißt das für Ihr Unternehmen
Die verbleibende Zeit bis zum geplanten Einsatz 2026 ist ein Fenster. Wer es nutzen will, beginnt mit der Bestandsaufnahme: Welche externen Kräfte arbeiten in welchen Konstellationen für Sie, und wie sind diese Verhältnisse dokumentiert? Danach lohnt der Blick auf die Konsistenz der eigenen Daten, denn ein System, das nach Anomalien sucht, findet Lücken und Widersprüche zuverlässiger als jede Stichprobe. Bleiben die Grenzfälle: Das Statusfeststellungsverfahren nach § 7a SGB IV ist das Instrument, um strittige Konstellationen verbindlich zu klären, bevor ein Algorithmus sie aufruft. Wer erst reagiert, wenn die Prüfung mit KI-Vorauswahl ansteht, hat die günstigste Handlungsphase bereits verpasst.
Update (Juni 2026): Eine ausführliche Analyse von Funktionsweise, Score-Logik und Vorbereitungsstrategie finden Sie in unserem Wissensartikel KIRA: Wie die Rentenversicherung ab 2026 mit KI prüft.